Vom Stammbaum zur Familiengeschichte: Martin Piekar liest im Hausacher Rathaus

Eine eindrucksvolle Lesung mit dem Autor Martin Piekar stand für die Schülerinnen und Schüler der 11. Klassen des Hausacher Wirtschaftsgymnasiums am Dienstag im Hausacher Rathaus auf dem Stundenplan.

Piekar las aus seinem Roman „Vom Fällen eines Stammbaums", einer großen Geschichte um seine Familie. „Familie ist brutal, du wirst in einen Kreis von Menschen geworfen und musst mit diesen Menschen klarkommen" stellte der Autor gleich zu Beginn seine Sicht auf die Familie klar. Familie per se sei kein Wert an sich. Und die Literatur sei eine gute Möglichkeit, sich mit der Familie auseinanderzusetzen. Piekars Herangehensweise an den Topos „Familie" – zumindest in den beiden für die Lesung mit den Schulklassen ausgewählten Kapiteln – ist sehr intim, schildert er doch schonungslos den Alltag in der Pflege seiner Mutter. „Ich habe irgendwann nur noch funktioniert und meine Mutter wurde zur bloßen Aufgabe", ein Prozess, der Pflegeperson und die zu pflegende Person entmenschlicht.

Umso zärtlicher beschreibt er dafür die Momente mit seiner Mutter.  „Familie besteht aus den Geschichten, die man sich immer wieder erzählt". Für die Gesellschaft werden diese Erzählungen aber erst dann zur nachprüfbaren Geschichte, wenn sich in den Akten dafür Belege finden. Mit viel Wärme im Herzen erzählt Piekar die Geschichte seiner Großmutter als polnische Kriegsgefangene in den Lagern des Gulag in Sibirien, der Liebe, die sie dort fand – zu einem deutschen Offizier – der Geburt seine Mutter und der Rückkehr nach Polen und der Flucht der Mutter vor dem totalitären polnischen Regime in den 80er Jahren.

Sibirien und Polen hätten seine Familie als Orte und als Unorte verfolgt, wer Liebe hat, der hat auch Überlebenswillen, eine große Familiengeschichte der Entwurzelung und Migration und der Liebe zu einem bekennenden Nationalsozialisten. Piekar beschönigt auf Nachfrage nicht, dass er froh ist, den Großvater nicht mehr kennengelernt zu haben, nach Polen selbst sei er erst seiner Mutter zuliebe gereist, um eben jenen Nachweis zu bekommen, dass der Stammbaum seiner Familie in Sibirien wurzelt.