„Kultur bedeutet Mobilität in Kopf und Herz“

José F. A. Oliver an den KSH. Foto: Matthias Dorn.

In einem Werkstattgespräch für Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse gab der Hausacher Dichter, Essayist und Übersetzer José F. A. Oliver Einblick in sein Leben, seine Arbeitsweise und sein Werk. Ein lebhafter Austausch entstand zwischen dem preisgekrönten Lyriker und seinem jungen Publikum, das die Gelegenheit nutzte, einem „lebenden Dichter“ seine Fragen zu stellen.

In ihren Begrüßungsworten hatte die Kulturbeauftragten der Schule, Jutta Person, auf Olivers derzeitige Position als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, Frankfurt, verwiesen. Es ist die älteste Stadtschreiberstelle Deutschlands, erklärte Oliver, 1952 von der Gruppe 47 ins Leben gerufen. Oliver erläuterte die Bedeutung, die eine Stadtschreiberstelle für einen Schriftsteller hat: Zum einen als Auszeichnung, zum anderen als Einkommensquelle. Für eine begrenzte Zeit ermögliche sie der Schriftstellerin oder dem Schriftsteller, „arbeiten zu können, ohne sich über Rechnungen Sorgen machen zu müssen.“

Denn eine der größten Herausforderungen für einen Schriftsteller, so die Antwort auf eine Frage aus dem Publikum, sei die prekäre finanzielle Lage. Die andere: Texte so zu gestalten, dass sie „vor sich selber bestehen können“, das heißt, dass „das Gedicht genau das ist, was ich sagen will.“

Es könne Jahre dauern, bis ein Gedicht so weit sei, dass er es in die Welt schicken könne, von der Anfangsidee, die z. B. aus einem gehörten Satz stammen kann, über die Weiterbearbeitung und „Verdichtung“ hin zum fertigen Gedicht. Das sei harte Arbeit, erklärte Oliver, alle Bearbeitungsschritte seien unendliche Annäherungen an das, was es sagen wolle. Die lange Reifezeit seiner Lyrik illustrierte er an einem der drei Gedichte, die er mitgebracht hatte. „gem:einsam“ hat seinen Ursprung in der von Ängsten und Frustration geprägten Coronazeit, veröffentlicht wird es im Herbst 2026 in seinem neuen Gedichtband.

Wie Inhalt und Form aufeinander zugehen, zeigte Oliver anhand seines Gedichtes „Kadıköy“ aus dem 2016 erschienenen Band „21 Gedichte aus Istanbul 4 Briefe & 10 Fotow:orte“, in seiner Zeit als Stadtschreiber von Istanbul entstanden. Der fehlende Zeilenumbruch und die fehlenden Satzzeichen unterstreichen die Gleichzeitigkeit allen Geschehens in diesem Stadtviertel voller sinnlicher Eindrücke. So werde „die Parallelität greifbar, die Gleichzeitigkeit formal hergestellt“, erklärte der Dichter.

Leise Schülerzweifel daran, ob man im Unterricht nicht zwanghaft versuche, Hintersinn aus Gedichten herauszuholen, der gar nicht beabsichtigt sei, räumten seine Worte zu „kl:eine auferstehung“ aus. Der auf den ersten Blick so simpel wirkende Zweizeiler über eine Löwenzahnblüte, die sich nach dem Regen öffnet, habe tatsächlich eine religiöse Ebene. „Ohne den Gedanken an Christi Auferstehung wäre das Gedicht nicht geschrieben worden.“ Eine Naturbeobachtung habe sich mit Fragen verknüpft: Wie gehe ich heute mit dem Osterfest um? Wie viel Kraft gibt mir der Glaube? Auf die Frage eines Schülers, inwieweit das Motiv von Noah und der Sintflut in das Bild vom „großen Regen“ miteingeflossen sei, wirkte der Dichter für einen Moment erstaunt, bestätigte aber diese Lesart. „Die ganzen Bibeltexte sind ja in mir.“

Tatsächlich kann ein Dichter von den Einsichten seiner Leserinnen und Leser immer wieder überrascht werden. Seines Wissens wurden bisher acht Doktorarbeiten über ihn und sein Werk geschrieben. Eine Doktorandin habe nachgewiesen, dass ein Großteil seiner Gedichte Referenzen zum Meer aufweist, was ihm selbst gar nicht bewusst gewesen sei. Konsequenterweise gebe es für ihn beim Interpretieren kein Richtig oder Falsch, es gehe um die Nachvollziehbarkeit der Gedanken für die, die die Interpretation lesen.

Gedichte an der Schule zu interpretieren, hält er übrigens für zu früh. Die Schule sollte an Lyrik heranführen und die Auseinandersetzung mit ihr fördern, das Interpretieren jedoch auf das Universitätsstudium verschoben werden.

Auch zu seiner Entwicklung als Lyriker gab Oliver gerne Auskunft. Er habe bereits als Teenager angefangen. Schreiben, erklärte er seinem aufmerksamen Publikum, sei eine Möglichkeit, sich selber verstehen zu lernen, herauszufinden, wer man ist. Angefangen habe er mit Tagebucheinträgen und Beiträgen für die Schülerzeitung – als er zum Studium an die Uni kam, gehörten seine Gedichte dort schon zum Lehrstoff. Wo die Doppelpunkte in seinen Wörtern herkämen? Er habe die Entdeckung gemacht, „dass Wörter in Wörtern stecken“, und das habe er mit dem „Oliver’schen Doppelpunkt“ markiert. Etymologisch sei das falsch, aber „wunderbar für das poetologische Verfahren“.

Das Spanische und die Lektüre der Lutherbibel hätten ihn angeregt, konsequent kleinzuschreiben. Das sei demokratischer: „Warum soll ein Verb weniger wert sein als ein Nomen?“ So könne er auch selber entscheiden, was er großschreiben will, z. B. Namen, nämlich aus Höflichkeit.

Warum er schreibe? „Ich schreibe das Gedicht, weil ich es schreiben muss.“ Auch Fragen zu seinen literarischen Einflüssen beantwortete er gerne.

Sorgen bereite ihm der derzeitige kulturpolitische Kampf, bei dem Gelder für Kulturschaffende zusammengestrichen werden. Das sei nicht nur für diese schlimm, sondern auch für die gesamte Gesellschaft, denn: „Kultur bedeutet Mobilität in Kopf und Herz.“

Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich im Anschluss begeistert: Spannend, interessant, berührend, erhellend sei die Begegnung gewesen, was auch durch die überaus sympathische und zugewandte Persönlichkeit Olivers möglich wurde. Es ist kein Zufall, dass er immer wieder zu Werkstattgesprächen an die Schule geholt wird.

Auch Schulleiterin Frauke Ebert und ihr Stellvertreter Michael Zürn ließen es sich nicht nehmen, dem Werkstattgespräch beizuwohnen. Finanziell möglich gemacht hat die Veranstaltung der Freundeskreis der KSH.

Text: Jutta Person.